25.06.2019

Sachsen-Anhalt braucht ein professionelles Einstellungskonzept für Lehrkräfte

Unterrichtsversorgung: keine Trendwende in Sicht


In acht Tagen beginnen die Sommerferien. Die Bilanz des zu Ende gehenden Schuljahres, vor allem aber die Aussichten auf das neue Schuljahr geben Anlass zu großer Sorge, sagt die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, Angela Kolb-Janssen. Angesichts der immer größer werdenden Zahl unbesetzter Lehrerstellen steuert die Unterrichtsversorgung zum Schuljahr 2019/20 auf einen neuerlichen Tiefpunkt zu.

Eine Trendwende ist entgegen den Aussagen von Bildungsminister Marco Tullner (CDU) nicht in Sicht – im Gegenteil, der Abwärtstrend setzt sich weiter fort. Trotz anderslautender Ankündigungen sind mehr Lehrerinnen und Lehrer aus dem Lehrbetrieb ausgeschieden als eingestellt wurden. Die Bilanz lag im letzten Jahr bei minus 876 Lehrkräften. Dabei sollten nach dem Landtagsbeschluss vom Oktober 2018 bereits zum Jahresende 2019 das Ziel von 14.500 Lehrerstellen ("Vollzeitäquivalenten") erreicht werden. Kolb-Janssen: Von diesem Ziel und erst recht von 103 Prozent Unterrichtsversorgung ist das Bildungsministerium weit entfernt.

Ursache sei das nach wie vor unflexible und zu langsame Einstellungsverfahren, sagte Kolb-Janssen weiter: So gehen dem Land dringend benötigte Lehrkräfte verloren, da andere Länder schneller sind und passgenaue Angebote machen. Das können wir uns nicht länger leisten!

 


Kolb-Janssen stellte neun Vorschläge für ein professionelles Einstellungsmanagement vor:

  1. Bundesweite Werbung um Lehrkräfte: Die Werbekampagne des Bildungsministeriums "Weltenretter" ist kaum sichtbar, die Homepage für Interessentinnen und Interessenten nicht benutzerfreundlich. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der zuständigen Stelle für die Personalgewinnung müssen an allen Werktagen zu den üblichen Geschäftszeiten telefonisch erreichbar sein. Ein paar Stunden pro Woche reichen nicht.
  2. Allen Lehramtsbewerbern ein Angebot machen: Seit Ende 2016 haben deutlich über 1.000 gut ausgebildete Bewerberinnen und Bewerber mit Lehramtsabschluss keine Stelle im Schuldienst in Sachsen-Anhalt bekommen Warum verzichten wir auf diese gut ausgebildeten Fachkräfte?
  3. Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit des Landesschulamtes: Seit 2016 ist das Landesschulamt nur kommissarisch besetzt. Die Funktion des Direktors muss endlich dauerhaft und mit ausgewiesenem Fachwissen besetzt werden.
  4. Modernisierung des Online-Bewerbungssystems: Das Verfahren muss einfach und nutzerfreundlich sein. Bewerbungen dürfen nicht schon am Hochladen von Unterlagen scheitern.
  5. Persönliche Betreuung von Bewerbern: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Personalgewinnung müssen proaktiv auf die Bewerberinnen zugehen, unter anderem durch Kontaktaufnahme per Mail oder Telefon, Angebote für Schulbesuche und Infogesprächen. Der Landtagsbeschluss vom Dezember 2017, demzufolge die Referendarinnen und Referendare schon während des Referendariats eine Einstellungszusage bekommen sollen, wird seit 2017 nicht umgesetzt!
  6. Übernahme von Referendarinnen und Referendaren: Fast alle Länder haben Wege gefunden, ihren eigenen Referendarinnen und Referendaren einen sicheren und garantierten Weg in den Schuldienst zu ermöglichen. Das muss auch in Sachsen- Anhalt möglich sein!
  7. Dezentralisierung und Einbeziehung der Schulen in das Bewerbungsverfahren: Da das Bildungsministerium und das Landesschulamt bisher wenig erfolgreich bei der Besetzung offener Stellen sind, müssen andere Möglichkeiten eröffnet werden. Die Einbeziehung der Schulen kann neue Bewerberpotentiale erschließen, die Verfahren beschleunigen und einen direkten Kontakt zwischen Bewerberinnen und Bewerbern und möglichen Einsatzschulen herstellen.
  8. Dauerausschreibung: Kündigungen und Renteneintritte sind mehrere Monate im Voraus bekannt. Warum wird nicht frühzeitig reagiert? Jede freie oder freiwerdende Stelle muss zu jedem Zeitpunkt unverzüglich ausgeschrieben werden, wie es in anderen Ländern schon mit Erfolg praktiziert wird.
  9. Gute Rahmenbedingungen für den Seiteneinstieg schaffen: Im Vergleich zu anderen Bundesländern gibt es in Sachsen-Anhalt vergleichsweise wenig Seiten- und Quereinsteigerinnen und -einsteiger. Die Bewerbungshürden liegen deutlich höher, und viele Bewerberinnen und Bewerber scheitern schon an den formalen Voraussetzungen. Die SPD hat ein Konzept mit konkreten Vorschlägen für einen gelingenden Seiten- und Quereinstieg erarbeitet.

 

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